Leseassistenz in der Gorch-Fock-Schule

von  W. Kleist

Es  ist morgens, kurz vor 08.00 Uhr. Ich komme in die Schule, um mich herum toben Kinder aller Altersgruppen und stürmen in die Klassenzimmer. Vor der Klasse 3 bleibe ich stehen und warte auf die Klassenlehrerin. Mit meinen 69 Jahren fühle ich mich zurückversetzt in die Zeit, als meine Kinder in dieser Schenefelder Schule waren. Es hat sich in diesen rund 20 Jahren - zumindest äußerlich - nicht sehr viel verändert. 

Die Lehrerin stellt den Kindern den neuen „Leseassistenten“ vor. Leseassistent heißt, dass ich mit 4 - 6 Freiwilligen den Unterrichtsraum verlasse und  den Kindern in einem anderen Raum beim Vorlesen helfe. Die Lehrerin fragt die Kinder, wer eine Stunde lang zusätzlich Lesen üben möchte. Ich freue mich über offensichtlich rege Teilnahmewünsche, anscheinend werde ich als „Lese-Opa“ akzeptiert.

leseassistenz

Ich hatte seit längerem überlegt, wie ich mich als Ruheständler sozial betätigen könnte, als ich in einer Zeitung über Helfer beim Lesen in Anfangsklassen las. Darin wurde deutlich, dass sich eine Lehrerin bei einer Klassengröße von mitunter mehr als 20 Kindern natürlich nicht immer  besonders intensiv um die  Kinder kümmern kann, die Probleme beim Lesen oder Rechnen haben. Dabei sind dies doch die Lernbereiche, die für die weitere schulische und spätere berufliche Entwicklung von elementarer Bedeutung sind.  Hier war ich der Meinung, dass ich sinnvoll assistieren und vielleicht einen Beitrag leisten könnte, wenn auch nur einen kleinen, um die Startvoraussetzungen für Kinder zu verbessern. Gerade auch für Schüler mit Migrationshintergrund ist dies bekanntermaßen sehr wichtig.

Meine erste Stunde mit sechs Kindern: Hussein* legt sich als erster quer – nämlich über drei Stühle  …  Alexander versucht vom Lesen abzulenken, indem er seine Nachbarin in Gespräche zu verwickeln sucht …  Hallo, was wird das denn?? Schnell stellt sich heraus, das ist kein böser Wille oder fehlende Motivation, sondern einfach nur ein Test … („Ich dachte, wir sind hier in der dritten Klasse, aber wir können gerne in die Sandkiste zum Spielen gehen!?“).  Schon ist Ruhe, und Ivo beginnt zu lesen. Da habe ich aber wohl nur Glück gehabt, dass mir so ein Spruch rechtzeitig eingefallen ist. Respekt vor den Lehrkräften, die vermutlich tagtäglich mit mehr oder weniger „Störungen“ fertig werden müssen und das bei einer oft großen Anzahl in der Klasse. Jetzt merke ich, wie jeder von den sechs zeigen will, was er schon beim Vorlesen gelernt hat. Ich finde, die Qualität ist für eine dritte Klasse schon bemerkenswert gut, wenngleich es natürlich Unterschiede im Lesefluss, der Betonung und der korrekten Aussprache gibt.

Ich habe jetzt bereits mehrere Stunden absolviert und es macht unverändert viel Freude mit den Kindern zu arbeiten. Vielleicht kann ich dem einen oder anderen Schüler doch etwas helfen, seine Lesefähigkeiten nachhaltig zu verbessern.

*Die  Namen der Kinder wurden  geändert.

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